Warum du auch Passivität für dich nutzen kannst
von Heribert Ulbing
Der tschechische Schriftsteller Pavel Korosin schreibt: „Die Aktivität produziert Fehler, aber nicht so große wie die Passivität.“
Kennst du das Gefühl, wenn du beginnst, deine Vision umzusetzen, und plötzlich nichts mehr geht? In unseren Projekten begegnen wir diesem Phänomen immer wieder: Widerstände seltsamer Natur treten plötzlich auf. Zweifel tauchen auf; Entscheidungen werden hinausgeschoben; unerwartete Hindernisse stellen sich in den Weg; es wird einfach immer schwieriger, etwas zu Ende zu bringen. Und so versickert die anfängliche Begeisterung in lähmender Passivität.
Nun, wenn du das kennst, kann ich dich beruhigen: das ist völlig normal. Alle Menschen, alle Unternehmen geraten in diesen Konflikt zwischen dem, was war und ist, und dem, was sein könnte. Während deine Vision, deine Vorstellung von der Zukunft, dich vorwärts zieht, zieht das, was war (das bestehende System) dich zurück.
Aus diesem Zerren in zwei verschiedene Richtungen entsteht eine schmerzliche Spannung, der „strukturelle Konflikt“. Stell dir ein Gummiband vor, das zwischen deiner Vision und deiner jetzigen Realität ausgestreckt ist – wenn es sich spannt, entsteht Spannung. Wonach strebt Spannung? Nach Auflösung. Dafür gibt es nur zwei Möglichkeiten: die Realität muss zur Vision gezogen werden oder die Vision zur Realität. Welche dieser beiden Möglichkeiten eintritt, kannst du selber bestimmen, je nachdem, wie fest du an deiner Vision festhältst.
Aber die Lücke zwischen Vision und gegenwärtiger Realität ist auch eine Energiequelle. Wenn es keine Lücke gäbe, wäre es überflüssig, irgendwas für die Realisierung der Vision zu tun. Tatsächlich ist diese Lücke eine Quelle kreativer Energie – Künstler haben sie zu allen Zeiten gekannt und für sich genutzt.
Diese Phase der Passivität in Veränderungsprozessen ist unvermeidlich. Erfolg oder Misserfolg entscheiden sich daran, wie du damit umgehst, ob du darin verharrst oder ob dir deine Ziele wichtiger sind. Nutze diese Phase dafür, noch einmal das was war und ist genau anzuschauen und mit deinen Zielen zu vergleichen. Wo willst du hin? Im Normalfall wird deine Vision siegen – schließlich ist sie ja deine eigene Vorstellung von deinem Leben in der Zukunft. Schau dir auch deine Schwächen und Stärken ohne zu urteilen in Ruhe an, aber konzentriere dich auf die Stärken. Du hast genug um deine Ziele erreichen zu können. So kannst du aus einer vorübergehenden Phase des Stillstands genug Mut und Kraft schöpfen, um mit konkreten Maßnahmen auf die Verwirklichung deiner Ziele hin zu arbeiten. Denke daran: Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Deine Vision muss nicht von heute auf morgen Wirklichkeit werden. Der Weg dorthin ist ein langer Prozess. Wenn es dir gelingt, die nötigen Schritte in aller Ruhe einen nach dem anderen zu tun, näherst du dich deiner Vision allmählich immer mehr und mehr an.


BeziehungsFlow, 2007

1 Kommentar
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7. April 2010 um 18:46
Klaus Heitzmann
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass genau diese Stehphasen wichtig sind. Ja, ich gehe sogar so weit, dass ich die Dinge vor der Finalisierung prinzipiell absitzen lasse, auch wenn ich an sich bereits am Ziel angelangt wäre. Der Grund: Die Welt dreht sich weiter, während das Problem gut abrasten kann. Fast jede Verzögerung hat sich ausgezahlt. Entweder ist noch ein wichtiger Aspekt hinzugetreten, den ich ohne Passivitätsphase gar nicht einbeziehen hätte können, weil es den Aspekt zuvor noch gar nicht gegeben hat, oder mir ist nachträglich ein Fehler aufgefallen, der unbedingt zu vermieden werden musste, und ohne Passivitätsphase den Wert des Ergebnisses geschmälert hätte.
Manchmal ist mir das Ziel über Jahre aus den Augen geraten, bevor ich es wieder aufgreifen, dann aber zügig erreichen konnte.
Früher bin ich noch nervös geworden, wenn nichts weiter gegangen ist. Heute sehe ich das prinzipiell gelassen, weil ich weiß, dass der Moment kommen wird, an dem alles von selbst aufgeht